Tawl – Presse

Zitiert aus baunetz interior | design / 14. Juni 2021 © baunetz interior | design

BEST-OF TABLEWARE 2021
Was in diesem Jahr auf unseren Tisch und in die Küche kommt

Es wird wieder mehr gekocht und noch lieber gegessen. Das hat auch positive Auswirkungen auf die Tableware-Branche. An schönen und funktionalen Produkten mangelt es nicht, wie unsere Parade der Neuheiten zeigt.

Von Claudia Simone Hoff

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Nicht ohne Keramik

Das mehrfach als bestes Restaurant der Welt ausgezeichnete Noma in Kopenhagen steht nicht nur für ein allumfassendes Designverständnis, sondern auch für die Rückkehr der Keramik auf dem gedeckten Tisch. Dass die oft rustikalen Stücke so gefragt sind, hat sicherlich mit dem anhaltenden Hygge-Hype und dem Corona-verstärkten Sehnen nach der Natur zu tun. Natürliche, sehr haptische Materialien und einfache Formen treffen als Slow-Living-Konzept den Nerv der Zeit: Man konzentriert sich auf das Wesentliche und feiert das Authentische. Das zeigt sich besonders schön am Entwurf Dough mit Tellern, Schalen und Karaffen von Toogood, die mit ihrer kugeligen, handschmeichlerischen Form gleichzeitig markant und in ihrer hellen Farbgebung zurückhaltend auftreten. Das britische Label demonstriert auch, wie kurz der Weg von der Mode zum Möbel- und Tableware-Design mitunter sein kann. Der Komplett-Look ist das, wonach gerade scheinbar alle streben – egal ob im günstigen oder hochpreisigen Segment.

„Das vermeintlich Einfache gibt es in vielen verschiedenen Qualitätsstufen“, sagt Wiebke Lehmann, die mit ihrem Unternehmen Tawl Sternerestaurants und Luxushotels im Bereich Tableware berät, selbst Keramikern ist und das Porzellanlabel Hering Berlin mitaufgebaut hat. „Es ist spannend, massengefertigte Produkte großer Labels mit Stücken in ähnlicher Form zu vergleichen, die handgefertigt sind“, ergänzt sie. „Man wird ganz anders berührt davon.“ Und verweist damit gleich auf ein Thema, das nicht nur in der Tableware-Branche offensichtlich ist: Hersteller mit Design- und Handwerksanspruch preschen vor, massenkompatible Labels ziehen nach und lassen günstig in Fernost produzieren.

 

 

Großer Auftritt

Auch wenn Trends selten scharf voneinander abgrenzbar sind, lassen sich – vereinfacht gesagt – neben der Dominanz der Keramik zwei weitere Tendenzen im Bereich Tableware ausmachen: Da ist zum einen die Verwendung von nachhaltigen, teils recycelten Materialien wie bei den kreisrunden Untersetzern Re-Circles von Muller Van Severen für Valerie Objects, die aus den Polyethylen-Resten hergestellt werden. Und ein glamouröser Look mit glänzenden Oberflächen wie bei Arzberg mit dem Klassiker Tric, den es nun im silbrig changierenden Dekor Moonlight gibt. Die Formen bewegen sich zwischen zwei Polen: extrem reduziert wie bei der Barkollektion Rocks von Zone Denmark oder verspielt wie bei der Glaskollektion Eternal Snow von Serax. Manchmal trifft auch beides zusammen: Stand up von Sieger by Ichendorf ist eine mundgeblasene Kristallglasserie, die ausgesprochen schlicht daherkommt. Auf den zweiten Blick überrascht die Kollektion mit einem gestalterischen Clou: Die Gläser pendeln bei jeder Berührung hin und her, weil der Boden nicht plan, sondern gewölbt ist.

 

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Zitiert aus Süddeutsche Zeitung / 24. Dezember 2020 / STIL –  Esskultur / © Süddeutsche Zeitung

Retter der Tafelrunde

Die Pandemie hat unsere Gewohnheiten verändert – und nicht nur Tischkultur, sondern auch die Porzellanbranche beflügelt. Über das Comeback der Gloschen und die perfekt gedeckte Tafel.

Von Verena Mayer

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Vorbild ist die Spitzenküche

Besuch bei Wiebke Lehmann, einer Keramik- und Porzellanexpertin, die unter anderem Spitzenrestaurants berät, als eine Art Innenarchitektin für den Tisch. Lehmann empfängt in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte. Man sieht Skulpturen, große Schüsseln mit bunten Mustern und vor allem weiße Teller. Flache mit einer Art genoppten Borte als Rand. Suppenteller, die fast etwas Kegelförmiges haben. Einen Risottoteller, der mit seinem breiten geschwungenen Rand an eine Installation erinnert. Die Teller stammen von verschiedenen Firmen, Lehmann hat sie zusammen auf ihrem Küchenblock aufgestellt, um zwei Dinge zu zeigen: was man selbst mit schlichtem weißen Geschirr alles machen kann. Dass es dabei aber auf das „Wie“ ankommt.

Lehmann, 57, ist gelernte Keramikerin. Nach ihrer Ausbildung ging sie erst nach London, später nach Berlin, wo sie im Prenzlauer Berg der Nachwendejahre eine eigene Keramikwerkstatt aufzog und dann, zusammen mit der Keramikerin Stefanie Hering, auch eine eigene Firma, die Unikat-Porzellan herstellt. Lehmann lernte dabei, dass es nicht nur Menschen gibt, die bereit sind, für einen Teller mehr zu bezahlen als andere für ein ganzes Service, zu ihren Kunden zählten Hollywoodstars genauso wie Multimillionäre aus Zentralasien, gewissermaßen die Fürsten von heute. Sondern sie merkte auch, wie wichtig das Geschirr in der Spitzengastronomie ist. Dass man für jeden Gang das passende Gefäß finden muss, wie den richtigen Rahmen für ein Gemälde. Und dass solche Arrangements zurückwirken auf den Alltag – was in den Spitzenrestaurants auf dem Tisch steht, das wollen die Leute irgendwann auch für sich zu Hause.

 

Ein Tisch wird heute nicht gedeckt, sondern kuratiert

Gerade die neue Gastronomie inspiriere dazu, mit Formen zu spielen, sagt Lehmann. In den Restaurants werde über die Herkunft von Produkten, Jahreszeiten und Verantwortlichkeit nachgedacht, und dazu suche man jeweils die passenden Formen. Im Englischen sage man „to dress the table“, ein Tisch sei eine Form von Mode; damit könne man spielen, Trends ausleben und auch mal etwas Mutiges aus dem Schrank holen. Übertragen auf den privaten Esstisch heißt das: die Stücke aus einem Service kaufen, die einem gefallen. Und diese mit Geschirr aus anderen Linien kombinieren. Lehmann hat ein paar Regeln, zum Beispiel, dass sie kein Porzellan in unterschiedlichen Weiß-Tönen gleichzeitig auf den Tisch bringt und am liebsten Silberbesteck verwendet, wegen der Haptik. Aber sonst mischt sie, erzeugt Brüche. Stellt den verspielten Sektkelch aus böhmischem Glas zu einem fast geometrischen Teller oder eine zementartig wirkende Schale neben einen Silberbecher. Sie sucht Einzelstücke zusammen, den handbemalten Blümchenteller aus der Porzellanmanufaktur genauso wie die puristische, dunkle Keramikschüssel.

Die gute Nachricht an alledem: Man muss kein ganzes Service für sechs oder acht Personen anschaffen und sich auch nicht davon beeindrucken lassen, dass es für jedes Gericht ein festgelegtes Gefäß gibt, Spargelplatten, Dessertschalen, Knödelschüsseln. Wiebke Lehmann hat es schon erlebt, dass eine Vegetarierin im Fachhandel ernsthaft fragte, ob sie die Fleischplatte auch für sich verwenden könne. Am Ende traue man sich vielleicht sogar, „die irdenen Teller vom letzten Sizilienurlaub zu kombinieren mit den Tellern, die der neue Lebensgefährte mit in den Haushalt eingebracht hat“, sagt Lehmann. Die schlechte Nachricht: Es wird dadurch nicht einfacher. Denn jetzt muss der Tisch nicht nur gedeckt, sondern fast schon kuratiert werden. Immerhin hat man dafür im Corona-Lockdown genügend Zeit.

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